
Wenn ich heute mein Studio hochfahre und die DAW lade, spüre ich immer noch diese besondere Magie. Aber mein Setup ist nicht über Nacht entstanden. Ich hatte keine reichen Eltern im Hintergrund, die mir mal eben das neueste MacBook und das komplette Komplete-Bundle spendiert hätten. Jeder Synthesizer, jeder Effekt, jedes kleine Tool auf meiner Festplatte hat eine Geschichte. Es ist das Ergebnis von jahrelangem Sparen, dem Taschengeld, das für Musikmagazine draufging, um an die begehrten Heft-CDs zu kommen, und unzähligen durchwachten Nächten, in denen ich auf eBay in letzter Sekunde noch einen guten Deal für ein gebrauchtes Plugin geschossen habe.
Heute blicke ich auf ein System, in dem genau 196 VST3- und 203 VST2-Plugins (x86/x64) ihren Dienst tun. Mittlerweile sind es deutlich mehr bezahlte als kostenlose Plugins. Aber der Weg dorthin war eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen grenzenloser Sammelwut, technischem Frust und echter Verbundenheit.
Der Fluch der unbegrenzten Möglichkeiten
Es gab eine Zeit, da dachte ich: Je mehr Plugins, desto besser wird meine Musik. Das Internet war (und ist) voll von großartiger Freeware, und ich war wie ein Kind im Süßwarenladen. Irgendwann hatte ich eine Sammlung von über 800 Plugins angehäuft.
Was als Entdeckerdrang begann, endete im völligen kreativen Stillstand. Ich blickte überhaupt nicht mehr durch. Wenn ich an einem Track saß und einfach nur die Höhen einer Hi-Hat anheben wollte, verbrachte ich eine halbe Stunde damit, durch unzählige EQs zu scrollen. Soundprozessoren lagen doppelt, dreifach und vierfach auf meiner Platte. Statt Musik zu machen, verwaltete ich Dateien. Der Workflow war tot, erstickt unter der schieren Masse an Optionen. Es fühlte sich nicht mehr nach Leidenschaft an, sondern nach Chaos.
Der schmerzhafte, aber befreiende Cut (2017)
2017 saß ich frustriert vor dem Rechner und wusste: Es reicht. Wenn ich musikalisch weiterkommen will, muss ich loslassen. Es war Zeit für einen massiven Frühjahrsputz (wer diese emotionale Trennungsphase nachvollziehen will, findet meine Gedanken dazu in meinem alten Blogbeitrag: Alles neu macht der Mai).
Dieser Schritt kostete Überwindung, denn ich verabschiedete mich von meiner geliebten Ableton Live 6 (x32) Umgebung und wagte den Sprung auf Ableton Live 9 (x64). Das bedeutete ein rigoroses Aussieben all meiner 32-Bit-Plugins. Ich habe deinstalliert, aktualisiert, neu installiert und mein System endlich auf eine saubere x64-Architektur gehoben. Die echten Herzens-Plugins, die es nur in 32-Bit gab und von denen ich mich einfach nicht trennen konnte, habe ich mühsam über JBridge am Leben erhalten. Es war ein technischer Krampf, aber als das System endlich lief, fühlte ich mich unglaublich befreit. Dieser Weg setzte sich dann ab 2022 konsequent fort, als ich anfing, rigoros auf den moderneren VST3-Standard umzustellen.
Die Tragik des Internets: Wenn digitale Freunde verschwinden
So sehr ich Free-Plugins liebe – sie bringen einen entscheidenden Schmerz mit sich: Sie können dir jederzeit weggenommen werden.
Es gibt wenig Frustrierenderes für einen Musiker, als ein fünf Jahre altes Projekt zu öffnen, in dem viel Herzblut steckt, und die DAW meldet trocken: „Plugin missing“. Freeware ist wundervoll, solange sie verfügbar gehalten wird. Aber das Internet vergisst eben doch.
Es tut fast ein bisschen weh zu sehen, wie alte Begleiter einfach verschwinden. Der ReFX Claw? Komplett von der Herstellerseite gelöscht, als hätte es ihn nie gegeben. Bei ReFX quadraSID und Slayer2 hatte ich noch Glück im Unglück: Sie werden zwar nicht mehr verkauft, aber sie liegen wie kleine Schätze noch in meinem User-Backend. Wirklich bitter war das Erlebnis mit dem „RF Bass“ von Ronan Fed oder dem „Mastering Bundle“ von Noiz Lab. Das war fantastische Software! Und von einem Tag auf den anderen waren die Webseiten der Entwickler einfach weg. Das ist der Moment, in dem man realisiert, wie fragil diese digitale Musikwelt ist.
Angekommen: Von bezahlter Zuverlässigkeit und alten Gefährten
Heute besteht meine kuratierte Sammlung größtenteils aus Software, die mich mein hart erspartes Geld gekostet hat. Ich zahle für diese Plugins, ich halte sie durch Updates frisch und kaufe mir damit auch ein Stück weit Sicherheit und Zuverlässigkeit.
Doch wenn ich ehrlich bin: Einige der kostenlosen Tools aus meinen Anfangsjahren sind für mich unersetzlich. Sie haben jeden Systemwechsel und jedes Ausmisten überlebt. Sie sind wie alte Bandmitglieder, deren Macken man kennt und ohne die der Sound einfach nicht derselbe wäre. Sie kommen immer und immer wieder in meinen Produktionen zum Einsatz.
Deshalb ist es mir ein echtes Bedürfnis, Danke zu sagen. Danke an all die Menschen, Firmen und Entwickler, die einem Typen ohne großes Budget die Werkzeuge in die Hand gegeben haben, um seine musikalischen Träume zu verwirklichen. Ihr habt mich geprägt!
Mein tiefster Dank geht raus an die brillanten Köpfe hinter:
!j Development, AKAI, Applied Acoustics Systems, Camel Audio, Digitalfishphones, H.G. Fortune, Krakli, mda, Muon, iZotope, Native Instruments, Odo, Ohm Force, Smart Electronix, Synapse Audio, Tobybear, Ugo, Waves und Yamaha.
Ohne euch klänge meine Welt heute sehr viel leiser.










